Wenn die Vergangenheit zu sprechen beginnt – wie „Geistersprechstunde“ entstand

Über mein neues Buch "Geistersprechstunde – Seelenerzählungen aus dem Land der Ahnen"
Es gibt Orte, die schweigen und es gibt Orte, bei denen man das Gefühl hat, dass ihr Schweigen voller Geschichten ist.
Eine alte Mauer, ein verlassenes Haus, eine Kirche im Nebel, eine Burgruine über einem Dorf, oder ein Weg, den Menschen schon lange vor uns gegangen sind. Manchmal genügt ein Augenblick, und etwas verändert sich. Man bleibt stehen, obwohl man eigentlich weitergehen wollte.
Vielleicht, weil wir spüren, dass wir nicht die Ersten sind, die hier stehen.
Vielleicht, weil Vergangenheit niemals vollkommen vergeht.
Genau dort beginnt meine "Geistersprechstunde".
Wenn aus einem Ort eine Geschichte wird
Seit vielen Jahren faszinieren mich die Geschichten hinter alten Orten. Nicht nur die großen historischen Ereignisse, die in Chroniken festgehalten wurden, sondern vor allem jene Menschen, deren Leben irgendwann zwischen den Seiten der Geschichte verschwunden ist.
Wer waren sie?
Wen haben sie geliebt?
Was haben sie verloren?
Welche Hoffnungen trugen sie in sich?
Und was bleibt von einem Menschen, wenn niemand mehr seinen Namen kennt?
Aus diesen Gedanken entstand nach und nach ein Buch, das sich nur schwer in eine einzige Schublade legen lässt.
"Geistersprechstunde – Seelenerzählungen aus dem Land der Ahnen" bewegt sich bewusst an einer Grenze: zwischen Geschichte und Erzählung, zwischen Erinnerung und Intuition, zwischen dem Sichtbaren und jenem geheimnisvollen Raum, für den wir manchmal keine eindeutigen Worte finden.
Dabei möchte ich eines nicht tun, nämlich Legenden zu historischen Tatsachen erklären.
Wo etwas historisch belegt ist, soll es als solches erkennbar sein. Wo Überlieferungen beginnen, dürfen sie Überlieferungen bleiben und wo meine eigene mediale Wahrnehmung oder eine literarische Erzählung einsetzt, soll auch das seinen eigenen Raum bekommen.
Vielleicht liegt gerade darin für mich der Zauber dieses Buches.
Nicht alles muss bewiesen werden, um eine Geschichte erzählen zu dürfen.
Aber eine Geschichte sollte niemals so tun, als wäre sie ein Beweis.
Der erste Weg führt ins Weinviertel
Das Band 1 im Weinviertel beginnt, ist kein Zufall.
Es ist eine Landschaft, in der Vergangenheit überall sichtbar ist.
Alte Kellergassen verschwinden im Abendlicht. Kirchtürme ragen aus dem Morgennebel, Burgruinen beobachten seit Jahrhunderten die Dörfer unter ihnen. Hinter unscheinbaren Fassaden verbergen sich Geschichten von Generationen.
Und manchmal genügt es, einen dieser Orte allein zu betreten und still zu werden, dann verändert sich die Atmosphäre.
Plötzlich stellt man sich nicht mehr die Frage, wie alt ein Gebäude ist.
Sondern:
Wer hat hier gelebt?
Wer hat an diesem Fenster gestanden?
Wer hat auf jemanden gewartet, der niemals zurückkam?
Wer hat hier gelacht, geweint, gehofft oder Abschied genommen?
Genau diese Menschen suche ich in meinen Geschichten.
Nicht die großen Herrscher und berühmten Namen allein, sondern auch jene, deren Leben kaum Spuren hinterlassen hat.
Denn auch sie waren hier.
Seelenerzählungen aus dem Land der Ahnen
Der Untertitel meines Buches ist deshalb ganz bewusst gewählt:
"Seelenerzählungen aus dem Land der Ahnen".
Ich wollte kein klassisches Geisterbuch schreiben.
Keine Aneinanderreihung von Spukgeschichten, die nur deshalb erzählt werden, damit es einem beim Lesen kalt über den Rücken läuft.
Mich interessiert etwas Tieferes.
Mich interessiert die Vorstellung, dass Orte Erinnerungen tragen.
Dass Geschichten weiterleben können, obwohl die Menschen, denen sie gehörten, längst gegangen sind und dass wir manchmal eine unerklärliche Verbindung zu einer vergangenen Zeit empfinden können.
Ob man darin etwas Spirituelles sieht, eine besondere Form der Erinnerung oder einfach die Kraft unserer Vorstellung, darf jede Leserin und jeder Leser für sich selbst entscheiden.
Ich möchte keine Antwort vorgeben.
Ich möchte eine Tür öffnen.
Noch bevor das Buch erscheint, bekommen einige Geschichten eine Stimme
An diesem Wochenende geschieht für mich etwas Besonderes.
Am 17. und 18. Oktober 2026 darf ich im Rahmen der Tage der Offenen Ateliers im Atelier Schatzl in Kottingneusiedl bereits Texte lesen.
Gemeinsam mit der bildenden Kunst von Gabriele Johanna Schatzl entsteht unter dem Titel "NOTBURGA – ein Porträt" eine Begegnung zwischen Bild und Wort.
Für mich hat das eine ganz eigene Magie, denn ein Text verändert sich, sobald er ausgesprochen wird.
Bis dahin lebt eine Geschichte still zwischen den Zeilen, doch in dem Augenblick, in dem jemand ihr seine Stimme leiht, tritt sie aus dem Papier heraus.
Vielleicht nur für wenige Minuten.
Vielleicht nur in unserer Vorstellung.
Aber plötzlich ist da jemand.
Eine Frau.
Ein Leben.
Eine Erinnerung und Menschen, die lange vor uns gegangen sind, bekommen für einen kurzen Augenblick wieder einen Platz in unserer Gegenwart.
Noch ist die "Geistersprechstunde" nicht eröffnet
Das fertige Buch wird erst 2027 im Handel erhältlich sein, gerne könnt ihr euch bereits ein signiertes Exemplar vorbestellen.
Die Lesungen an diesem Wochenende sind daher bewusst keine Buchpräsentation eines bereits erschienenen Werkes.
Sie sind etwas, das mir fast noch besser gefällt, nämlich ein erstes Öffnen der Tür, denn gerade wenn man über Menschen schreibt, die selbst nicht mehr widersprechen, ergänzen oder ihre Geschichte richtigstellen können, trägt man Verantwortung und dennoch soll dieses Buch geheimnisvoll bleiben.
Denn zwischen all den Dokumenten, Jahreszahlen und belegbaren Ereignissen bleibt immer etwas übrig, das kein Archiv beantworten kann:
Wie hat es sich angefühlt, dieser Mensch zu sein?
Vielleicht verschwinden Geschichten niemals ganz
Je länger ich an diesem Buch gearbeitet habe, desto mehr begleitete mich ein Gedanke:
Vielleicht bedeutet Vergessen nicht, dass etwas verschwunden ist.
Vielleicht bedeutet es manchmal nur, dass lange niemand mehr danach gefragt hat.
Dann genügt ein Name in einer alten Chronik.
Ein Bild.
Eine Ruine.
Eine Erzählung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde oder dieses seltsame Gefühl an einem Ort, das uns plötzlich innehalten lässt und eine Geschichte beginnt wieder zu atmen.
"Geistersprechstunde" ist meine Einladung, genau dort hinzuhören.
Nicht um jede Legende zu glauben.
Nicht um aus Geheimnissen Gewissheiten zu machen, sondern um der Vergangenheit für einen Moment unsere Aufmerksamkeit zu schenken, denn vielleicht sind die Toten gar nicht diejenigen, die nicht mehr sprechen.
Vielleicht haben wir nur verlernt, ihnen zuzuhören.
Philomena M. Graywoolf
Geistersprechstunde – Seelenerzählungen aus dem Land der Ahnen
Band 1: Weinviertel
Erste Lesungen am 17. und 18. Oktober 2026 im Atelier Schatzl in Kottingneusiedl.
Das Buch erscheint bereits im Jahre 2027.